Greenfield’s Corners ist eine fiktive
Kleinstadt in New Hampshire. Der Ort wird als heile Welt
präsentiert. Jeder kennt jeden, die Kinder sind wohlerzogen, jeden Morgen kommt
der Milchmann die Strasse hinauf. Der grösste Skandal ist der ständig
betrunkene Kirchenchorleiter. Im Laufe der Jahre verändern sich im Alltag der
Menschen von Greenfield’s Corner nur Kleinigkeiten.
Der erste Akt (1961) steht unter dem Motto „Das
tägliche Leben“. Es deutet sich eine Romanze zwischen den Nachbarskindern
George Gibbons und Emily Webber an. Ausserdem wird eine Vielzahl anderer
Charaktere eingeführt, so die Eltern und Geschwister der beiden Freunde,
Personen des öffentlichen Lebens, der Zeitungsjunge, die zwei Ladenbesitzer und die Polizistin. Eine
genaue Inhaltsangabe fällt schwer, da die Handlung am Anfang fast gänzlich
aus Belanglosigkeiten wie dem täglichen Frühstück, Haushaltsarbeiten oder
Schularbeiten, eben dem „täglichen Leben“ besteht.
Einige Jahre sind vergangen und Emily und
George sind im Begriff zu heira- ten. In einer Rückblende wird dargestellt, wie
das Paar auf dem Nachhause- weg von der Schule zueinander gefunden hat. Den
Abschluss macht die grosse Hochzeitsszene.
Viele Jahre später, auf einem Friedhof in
Greenfield’s Corners. Emily ist bei der Geburt ihres zweiten Kindes gestorben und
landet nun im Reich der Toten. Sie erhält die Möglichkeit, aus dem Jenseits auf
die Lebenden herabzuschauen und will unbedingt ins Leben zurückkehren.
Tatsächlich kann sie auch, wie ihr ihre ebenfalls tote Schwiegermutter Mrs.
Gibbons erklärt, an einen beliebigen Tag in ihrem Leben zurückgehen und ihn noch
einmal, nun aus der Distanz, miterleben. Emily tut dies und reist zurück zu
ihrem 12. Geburtstag. Doch hier erkennt sie erstmals, wie nichtig die Dinge
sind, mit denen sich die Lebenden befassen. In einer der letzten Szenen
versucht Emily regelrecht, ihre Mutter aus ihrem Alltagstrott zu reissen, sie
aufzu-rütteln. Dies bleibt jedoch wirkungslos. Resigniert kehrt Emily zurück ins
Reich der Toten. Die Inszenierung des Kollegitheaters endet mit einem Song, der
eine wundervolle Aufforderung dazu ist, das Leben in vollen Zügen zu erleben.
Thornton Wilder
Wilder wurde 1897 in Madison im amerikanischen Bundesstaat Wisconsin
geboren. Er war der Sohn eines US-amerikanischen Diplomaten und ver- brachte einen Teil seiner Kindheit in China.
Er begann Theaterstücke zu schreiben, als er Schüler an der Thacher School war,
wohin er nicht recht passte, so dass er von seinen Mitschülern als allzu intellektuell
gehänselt wurde. Einer seiner Klassenkameraden sagte später über ihn: „Wir
liessen ihn alleine, ganz einfach alleine. Und er zog sich dann in die
Bibliothek, seinen Zufluchtsort zurück und lernte, sich von Demütigung und
Indifferenz fernzuhalten.“
Nachdem er während des Ersten Weltkrieges bei der amerikanischen Küstenwache gedient hatte, erhielt
er 1920 von der Universität Yale den B.A. Sechs Jahre danach
wurde sein erster Roman The Cabala veröffent- licht. Kommerziell
erfolgreich und weithin bekannt wurde Wilder 1927 mit dem Roman The Bridge Of San Luis Rey,
der ihm zudem 1928 den ersten Pulitzer-Preis
einbrachte. Zwischen 1930 und 1937 lehrte er an der Universität von Chicago.
Seinen zweiten Pulitzer-Preis erhielt Wilder 1938 für das Stück Our Town, einen
mehrfach verfilmten und bis heute gerne gespielten Dreiakter, der in der
fiktiven Kleinstadt Greenfield’s Corners in New Hampshire spielt. Our Town
ist das bekannteste Beispiel für Wilders besondere dramatische Technik, die mit
einem Erzähler, dem so genannten „Stage Manager“ arbeitet, der gewissermassen
die Rolle des antiken Chors übernimmt und durch eine minimale
Ausstattung der Bühne die Universalität menschlicher Erfahrungen zu
unterstreichen versucht.
Den dritten Pulitzer-Preis brachte Wilder sein Stück The Skin of Our
Teeth ein. Es wurde 1943 uraufgeführt. Die Themen entsprechen denen vieler
anderer Werke Wilders: Krieg, Seuchen, ökonomische Depression und Feuer als
existenzielle Erfahrungen des Menschen. Indem die Grenzen von Zeit und Raum
ignoriert werden, reichen vier Charaktere und drei Akte aus, um die Geschichte
der Menschheit aufzurollen. Das Kollegitheater spielte Wir sind noch einmal davongekommen
1990 in einer Inszenierung von J. Peyer.
Insgesamt schrieb Wilder sieben
Erzählungen, drei grössere Theaterstücke, zahlreiche Einakter
sowie eine Vielzahl kleinerer Werke wie Essays, „Dreiminutenspiele“ und
wissenschaftliche Artikel. Seine letzte Erzählung Theophilus North erschien
1973. Wilder starb am 7. Dezember 1975 in Hamden (Connecticut).